Warschau 2017

„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen …“, so Matthias Claudius 1774.
„Drum nahm ich meinen Stock und Hut und tat das Reisen wählen.“ So geht der Text weiter und das ist das, was man jedem nur empfehlen kann. Reisen bildet und es ist erstaunlich, wo und wer genau das empfiehlt.

Reisen ist tödlich für Vorurteile.
Mark Twain (1835 – 1910)
Steigst du nicht auf die Berge,
so siehst du auch nicht in die Ferne.
Fernöstliches Sprichwort
Wer sein Haus verläßt,
und nach Wissen sucht,
der wandert auf Gottes Pfaden,
und wer reist, um Wissen zu finden, dem wird Gott das Paradies zeigen.
Aus dem Koran
Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder
ob schon andere deutsche Touristen dagewesen sind.
Kurt Tucholsky

Aber Kant fasst alles einfach zusammen:
Das Reisen bildet sehr; es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes,
des Glaubens, der Familie, der Erziehung.
Es gibt den humanen duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter.
Immanuel Kant (1724-1804)

Warschau. Ein Kollege kam auf die Idee und organisierte eine Wochenendfahrt für Interessierte. 14 Leute kamen zusammen, die Freitag nach Dienstschluss sich in die Bahn setzten und entspannt (7 Stunden) nach Warschau reisten. Unter kamen wir sehr preiswert (25€ pro Kopf ohne Frühstück) im „Gulden Tulip“, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofes, einem wirklich zu empfehlenden *** Hotel.

Die Wahl auf das Hotel fiel nicht (ausschließlich) wegen der Zapfanlage 🙂 Aber dass sie da war, war nicht hinderlich.
Die Erkundung Warschaus als kulturelles „Objekt“ stand im Vordergrund. Und, dass Warschau auch sehr mit der deutschen Geschichte verknüpft ist, weiß jeder und sollte es auch im Gedächtnis behalten, egal welcher Generation er angehört. Also standen das relativ neue „Jüdische Museum“ und das „Aufstandsmuseum„, der „Jüdische Friedhof“  als einer der größsten in Europa aber auch die neu erbaute Altstadt, der Kulturpalast, der mich immer an die Lomonossow Universtität Moskau erinnert, Straßen- und U-Bahn, Kneipen und Gaststätten, polnischer Wodka …. auf der todo Liste 🙂 Und wir haben alles geschafft 🙂
Der öffentliche Nahverkehr ist mit dem Wochenendticket einfach zu benutzen und preiswert. Man kommt schnell dahin, wo man etwas erkunden will. Manchmal voll, aber wer Berlin kennt … – nur, dass junge Leute hier wirklich für Schwangere und ältere Menschen aufstehen. Da ich mich zu keiner der Gruppen zähle, stand ich also oft.
Die Stadt ist eine Mischung aus alten stalinistischen Prunkstraßen, riesigen neuen Glaspalästen, schnellem Straßenverkehr und netten Leuten, jung wie alt.

Wie wichtig den Polen die Geste Willy Brands heute noch ist, wie tief die deutsche und polnische Geschichte vermischt ist, zeigt, dass es für den Kniefall ein eigenes Denkmal gibt, nah am 2014 eröffneten Jüdischem Museum. Dieses ist bewusst anders strukturiert, als man ein jüdisches Museum in Warschau erwarten würde. Viel digitalisiert, anmimiert, interaktiv präsentiert. Aber wen will man denn erreichen in der Geschichtsvermittlung? Die jetzige Jugend… Ein interessanter Besuch und Streifzug durch die gesamte Geschichte des Judentums.

Zwei Stunden Zeit sollte man mindestens einplanen.
Von dort aus gingen wir ca. 20 Minuten zu Fuß zur neu erbauten Altstadt, die toll zu erkunden ist. Gaststätten z.B. und viele Kirchen, in denen am Samstag unendlich viele junge Menschen geheiratet haben, der Marktplatz, das Stadtschloss, der Blick auf viele Grünflächen an der Weichsel, das Marie-Curie-Denkmal … Entspannte Erkundung mit Zwischenstop zwecks Kaffe und/oder ein Bier, denn das Wetter mit 26 Grad war hervorragend.

Man sieht fröhlich-freundliche, sehr oft junge Menschen, genauso entspannend den Samstag genießend, wie wir. Eine Demo um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen berührte uns genauso wie das Denkmal des Unbekannten Soldaten. Es ist aber ein deutlich spürbarer Nationalstolz festzustellen und ob eine kritische Auseinandersetzung auch mit sich selbst gewünscht wird, zweifle ich momentan an.

Wir liefen dann weiter (am Ende zeigte mein Fitness-Armband mehr als 23.000 Schritte) Richtung Kulturpalast, um den Sonnenuntergang und den Blick auf die Stadt von dort, zu erleben. Ein fantastischer Ausblick und sehr zu empfehlen. Der Bau hat untrüglich kommunistische Züge. Stalin lässt grüßen, aber das kennen wir ja auch aus Berlin. 231m hoch und Anfang der 50-er Jahre erbaut.

Vom Hunger getrieben (ich eher weniger, Essen wird überbewertet 🙂 ) schlugen wir in einer bei Tripedwiser empfohlenen Gaststätte auf. Wie gesagt, in dem Augenblock 12 Personen, Samstag 20 Uhr. „Bitte 10 Minuten warten.“ und wir hatten extra hergerichtete Tische im Garten der Gaststätte und super Service. Bei dem lauen Abend, wahrscheinlich das letzte Essen im Freien dieses Jahr. Zusammengefasst: PERFEKT.

Als Absacker bot das dann der polnische Wodka „Zubrowka“ im Hotel an.
Am nächsten Tag besuchten wir das Aufstandsmuseum, das auch relativ neu ist und den polnischen Widerstand zeigt wie das zerstörte Warschau, aber auch sehr militärisch dominiert ist und eine kritische Auseinandersetzung eher meidet. Aber wir wissen ja selbst, was das für ein langwieriger Prozess ist und die momentane Regierung dort, fördert es nicht wirklich. Allerdings sollten wir eher sorgsam mit Kritik umgehen….
Danach fuhren wir zum jüdischen Friedhof sowie zu der in Warschau einzig arbeitenden und im Krieg nicht zerstörten Synagoge und von dort aus dann zum Hotel und Bahnhof.

Reisen bildet, entwöhnt Vorurteile, öffnet Horizonte. Es ermöglicht Verständnis und bringt Menschen zusammen. Ein gutes Wochenende.